Die Jungend von heute
07. April - 25. Juni 2006
Medialisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung bringen eine stetig wachsende Vielfalt jugendlicher Szenen hervor. Girlies, Greaser, Hooligans, Rapper, Raver, Streetballer, Trainsurfer, Traceurs oder Yamakasis sind nur einige der disparaten „artificial tribes“, denen sich Jugendliche heute angehörig fühlen. Während im kalten Krieg der Jugendkulturen noch zwischen übersichtlichen Alternativen wie Punk oder Pop entschieden werden musste, durchlaufen Jugendliche heute in der Regel eine ganze Reihe von Szenen. Die Ausstellung zeigt die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lebenswelten von Teenies, Twens und postadoleszenten „Thirty Somethings“, deren jugendkulturelle Erfahrungen oft in das Familien- und Berufsleben hineinreichen. Die 160 Werke von fünfzig international tätigen Künstlern wie der Vertreterin der Young British Art Tracey Emin, des amerikanischen Fotografen Philip-Lorca diCorcia und einer großen Anzahl von Newcomern thematisieren die Einflüsse der Jugendkultur auf die ästhetischen wie politischen Bereiche der Gesellschaft.
Die Ausstellung „Die Jugend von heute“ wird von Sireo Real Estate unterstützt. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch die Mondriaan Foundation, The British Council, die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika und die Botschaft von Kanada in Berlin.
Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung: „Anstatt nach ‚Generation Golf‘ oder ‚Generation Reform‘ einen weiteren Typus anzubieten, geht es in der Ausstellung vor allem darum, die Verbindungen und Brüche der Jugend und ihrer unterschiedlichen Lebenspraktiken ausfindig zu machen und von da aus heterogene Wege in die erwachsene Phase zu öffnen. Die Werke der Ausstellung spiegeln in ihrer Thematik und Ästhetik das breite Spektrum von Optionen, welches das Lebensgefühl der Jungen von heute im positiven wie im negativen Sinn prägt.“
Die immense Vielfalt jugendlicher Szenarien, Stile und Genres spiegelt ein chaotisches und ambivalentes Feld jugendlicher Kulturproduktion. Der Kosmos der heranwachsenden Generation wird von einer multimedialen Informationsflut begleitet, die ihr wie eine zweite Natur anhaftet und frühere Widersprüche aufzulösen scheint. Der Generationenkonflikt bleibt aus, und die „Thirty Somethings“ verfügen über die scheinbar gleichen Codes wie die Teens und Twens sei es in der Sprache, in der Musik oder der Kleidung. Das Uni-Sex-Label deterritorialisiert nicht nur differente Körper und Geschlechter. Es gehen daraus auch andere Identitätsbildungsstrategien hervor, die neue gesellschaftliche Zusammenhänge Gemeinschaften, „communities“, urbane Räume ermöglichen. Wie sieht also die gegenwärtige Neuordnung des (sexuellen, soziokulturellen, urbanen) Subjekts aus? Was folgt aus der Autonomie der Geschlechter und der Zerstörung überkommener Rollenbilder?
Die häufig mit Jugend assoziierte Rebellion gegen die Eltern, die Erwachsenen, die Werte, den Staat setzt sich in der Multioptionalität einer offenen Gesellschaft fort. Skater gegen Hippies, Punks gegen Streber, Raver gegen die Nacht und alle zusammen gegen den Krieg. Die einst erstrebenswerten und zeitlosen Ideale fallen auf Menschenmaß und Menschenzeit zurück. Was sich zeigt in diesem Verlust, ist eine Neuformierung des Menschen als postmodernes, fragmentiertes Subjekt. Wieder sind es die künstlerischen Mittel der Collage und Assemblage, verfeinert durch computergestütztes Sampling, Animation und Bildbearbeitung, die eine heterogene „neue“ Welt zu erzeugen erlauben. Wuchernde Environments und Installationen, wie beispielsweise das „Funny Farm“ genannte Atelier der Künstlerin Laura Kikauka, reflektieren die komplexen Sinnzusammenhänge und erzeugen singuläre, sich selbst generierende Möglichkeitswelten, in denen Comic und psychedelische Holografie, Punk und sexuelles Begehren koexistieren.
Die Ausstellung geht des Weiteren der in unterschiedlichen jugendkulturellen Lebenswelten vorherrschenden Frage nach dem Zusammenhang von Individuum und Gruppe sowie der Selbstpositionierung der Jugend in der Gesellschaft nach. Der Club dient hierbei als ein mehrschichtiges Kräftefeld, in dem es sowohl um eine eigene Sprache um Sprachlosigkeit als eine andere, körperliche Sprache als auch um einen autonomen, freigestellten Raum geht, der die politischen, sexuellen und ästhetischen Utopien zusammenführt. Hedonismus als die Leitfigur der Clubkultur der 90er Jahre gewinnt seine Bedeutung in der erneuten Abwehr intellektueller Dominanz und dem Subversiven des Körpers. Dieser erscheint als Oberfläche, als beschreibbare und wieder beschreibbare Fläche, auf der sich Zeichen frei formieren und die persönliche Identität konstituiert. In einer Fülle von Arbeiten wird dieser veränderte Körper reflektiert und in einem klaustrophobisch anmutenden Umfeld wiedergegeben. Werke von Pierre Huyghe und Collier Schorr behaupten diesen Kontrast zwischen körperlicher und räumlicher Topologie ebenso wie die „Teenage Geography“ von Mike Paré und die reaktionären Menschenaffen von Bjarne Melgaard.
Pose und Verwandlung zählen zu den traditionellen Übungen der Aneignung von Erwachsenenbildern bzw. der Rebellion gegen diese. Sie können gleichzeitig auch die Rekonstitution der Persönlichkeit und Individualität der Jugendlichen bedienen, insofern sie als Strategien der Unterscheidung von Erwachsenen eingesetzt werden. Nicht weniger wird dadurch allerdings die Bedeutung der Pose oder Verwandlung ausgehöhlt, sie wird zu dem, was Rosalind Krauss einen „shifter“ nennt, d. h. eine semantische Hülse, die sich in alle Richtungen bewegen lässt, ohne jemals mit einem Grund verwurzelt zu werden. In der Tat durchleben Jugendliche nicht nur eine, sondern mehrere Jugendkulturen, die sie nacheinander, mitunter sogar nebeneinander durchlaufen. Das Ziel, erwachsen zu sein ob positiv oder negativ , kann nicht mehr als absolute Größe verstanden werden, an der sich Jugendliche orientieren, um daraus gegenwärtige Sinnformen zu erlangen. Sie selber entwickeln autonome Systeme, die komplex genug sind, um Unverständnis zu provozieren, und flexibel genug, um sich mit anderen Systemen zu verbinden. Komplexität bedeutet vor allem das Ende universaler Ziele und die Möglichkeit ihrer Singularisierung. Die Sade’schen Post-Hippie-Gothic-Traumlandschaften von Matt Greene präsentieren sich uns wie die Mädchenparadiese voll abgebrühter Lolitavamps von Rita Ackermann als abgeschlossene und unberührbare Mikrokosmen.
(Presse Schirn Kunsthalle Frankfurt)
Die Ausstellung „Die Jugend von heute“ wird von Sireo Real Estate unterstützt. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch die Mondriaan Foundation, The British Council, die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika und die Botschaft von Kanada in Berlin.
Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung: „Anstatt nach ‚Generation Golf‘ oder ‚Generation Reform‘ einen weiteren Typus anzubieten, geht es in der Ausstellung vor allem darum, die Verbindungen und Brüche der Jugend und ihrer unterschiedlichen Lebenspraktiken ausfindig zu machen und von da aus heterogene Wege in die erwachsene Phase zu öffnen. Die Werke der Ausstellung spiegeln in ihrer Thematik und Ästhetik das breite Spektrum von Optionen, welches das Lebensgefühl der Jungen von heute im positiven wie im negativen Sinn prägt.“
Die immense Vielfalt jugendlicher Szenarien, Stile und Genres spiegelt ein chaotisches und ambivalentes Feld jugendlicher Kulturproduktion. Der Kosmos der heranwachsenden Generation wird von einer multimedialen Informationsflut begleitet, die ihr wie eine zweite Natur anhaftet und frühere Widersprüche aufzulösen scheint. Der Generationenkonflikt bleibt aus, und die „Thirty Somethings“ verfügen über die scheinbar gleichen Codes wie die Teens und Twens sei es in der Sprache, in der Musik oder der Kleidung. Das Uni-Sex-Label deterritorialisiert nicht nur differente Körper und Geschlechter. Es gehen daraus auch andere Identitätsbildungsstrategien hervor, die neue gesellschaftliche Zusammenhänge Gemeinschaften, „communities“, urbane Räume ermöglichen. Wie sieht also die gegenwärtige Neuordnung des (sexuellen, soziokulturellen, urbanen) Subjekts aus? Was folgt aus der Autonomie der Geschlechter und der Zerstörung überkommener Rollenbilder?
Die häufig mit Jugend assoziierte Rebellion gegen die Eltern, die Erwachsenen, die Werte, den Staat setzt sich in der Multioptionalität einer offenen Gesellschaft fort. Skater gegen Hippies, Punks gegen Streber, Raver gegen die Nacht und alle zusammen gegen den Krieg. Die einst erstrebenswerten und zeitlosen Ideale fallen auf Menschenmaß und Menschenzeit zurück. Was sich zeigt in diesem Verlust, ist eine Neuformierung des Menschen als postmodernes, fragmentiertes Subjekt. Wieder sind es die künstlerischen Mittel der Collage und Assemblage, verfeinert durch computergestütztes Sampling, Animation und Bildbearbeitung, die eine heterogene „neue“ Welt zu erzeugen erlauben. Wuchernde Environments und Installationen, wie beispielsweise das „Funny Farm“ genannte Atelier der Künstlerin Laura Kikauka, reflektieren die komplexen Sinnzusammenhänge und erzeugen singuläre, sich selbst generierende Möglichkeitswelten, in denen Comic und psychedelische Holografie, Punk und sexuelles Begehren koexistieren.
Die Ausstellung geht des Weiteren der in unterschiedlichen jugendkulturellen Lebenswelten vorherrschenden Frage nach dem Zusammenhang von Individuum und Gruppe sowie der Selbstpositionierung der Jugend in der Gesellschaft nach. Der Club dient hierbei als ein mehrschichtiges Kräftefeld, in dem es sowohl um eine eigene Sprache um Sprachlosigkeit als eine andere, körperliche Sprache als auch um einen autonomen, freigestellten Raum geht, der die politischen, sexuellen und ästhetischen Utopien zusammenführt. Hedonismus als die Leitfigur der Clubkultur der 90er Jahre gewinnt seine Bedeutung in der erneuten Abwehr intellektueller Dominanz und dem Subversiven des Körpers. Dieser erscheint als Oberfläche, als beschreibbare und wieder beschreibbare Fläche, auf der sich Zeichen frei formieren und die persönliche Identität konstituiert. In einer Fülle von Arbeiten wird dieser veränderte Körper reflektiert und in einem klaustrophobisch anmutenden Umfeld wiedergegeben. Werke von Pierre Huyghe und Collier Schorr behaupten diesen Kontrast zwischen körperlicher und räumlicher Topologie ebenso wie die „Teenage Geography“ von Mike Paré und die reaktionären Menschenaffen von Bjarne Melgaard.
Pose und Verwandlung zählen zu den traditionellen Übungen der Aneignung von Erwachsenenbildern bzw. der Rebellion gegen diese. Sie können gleichzeitig auch die Rekonstitution der Persönlichkeit und Individualität der Jugendlichen bedienen, insofern sie als Strategien der Unterscheidung von Erwachsenen eingesetzt werden. Nicht weniger wird dadurch allerdings die Bedeutung der Pose oder Verwandlung ausgehöhlt, sie wird zu dem, was Rosalind Krauss einen „shifter“ nennt, d. h. eine semantische Hülse, die sich in alle Richtungen bewegen lässt, ohne jemals mit einem Grund verwurzelt zu werden. In der Tat durchleben Jugendliche nicht nur eine, sondern mehrere Jugendkulturen, die sie nacheinander, mitunter sogar nebeneinander durchlaufen. Das Ziel, erwachsen zu sein ob positiv oder negativ , kann nicht mehr als absolute Größe verstanden werden, an der sich Jugendliche orientieren, um daraus gegenwärtige Sinnformen zu erlangen. Sie selber entwickeln autonome Systeme, die komplex genug sind, um Unverständnis zu provozieren, und flexibel genug, um sich mit anderen Systemen zu verbinden. Komplexität bedeutet vor allem das Ende universaler Ziele und die Möglichkeit ihrer Singularisierung. Die Sade’schen Post-Hippie-Gothic-Traumlandschaften von Matt Greene präsentieren sich uns wie die Mädchenparadiese voll abgebrühter Lolitavamps von Rita Ackermann als abgeschlossene und unberührbare Mikrokosmen.
(Presse Schirn Kunsthalle Frankfurt)
