Gilbert und George
11. Juni 2007 - 09. September 2007
Die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst stellt das künstlerische Werk von Gilbert & George aus vierzig Jahren vor. Präsentiert werden nicht nur die fotografischen Arbeiten; "Gilbert & George. Die große Ausstellung" umfasst die gesamte Spannbreite der Medien, in denen die Künstler gearbeitet haben: Dokumentationen zu den Auftritten als "living sculptures", Bücher, die großformatigen Zeichnungs-Installationen aus den frühen 70er-Jahren, Postkartenskulpturen und Filme. Auf diese Weise kann die formale und konzeptuelle Entwicklung des Künstlerduos verfolgt werden, von der Ausweitung des Skulpturbegriffs bis zur Vorwegnahme der Fotografie als entscheidendem Diskurs in der zeitgenössischen Kunst.

Zu den Werken, die in der Tate Modern gezeigt werden, kommt im Haus der Kunst eine 6-teilige Serie großformatiger Kohlezeichnungen aus dem Jahr 1971 hinzu, "There Were Two Young Men".

Lebendige Statuen
Gilbert und George haben sich 1967 in London kennen gelernt, in der Bildhauerklasse der St. Martin's School of Art. Seitdem sind sie ein Paar, in der Kunst wie im Leben. Nach Abschluss der Akademie hatten sie den Eindruck, mit leeren Händen dazustehen - ohne Galerie, ohne Atelier, jedoch mit einem bedeutenden Einfall: Sie erklärten sich kurzerhand selbst zu Kunstwerken und traten als lebendige Statuen ("living sculptures") auf. 1969 formulierten Gilbert & George ihre persönlichen Bildhauer-Gesetze, die bis heute Gültigkeit haben und zu einer Art Manifest für ihr gesamtes Schaffen geworden sind:

1 Sei stets elegnt gekleidet, gepflegt entspannt freundlich höflich und völlig Herr der Lage
2 Sorge dafür, dass die Welt an dich glaubt und dieses Privileg teuer bezahlt
3 Beunruhige dich nicht, bewerte, diskutiere, kritisiere nicht, sondern sei ruhig, respektvoll, gelassen
4 Der Herr meißelt noch, also verlasse deine Werkbank nur kurz.

(The laws of sculptors, 1969)
1969 traten Gilbert & George mit dem Lied "Underneath the Arches" erstmals als "singing sculptures" auf. In "Underneath the Arches" preisen zwei Obdachlose ihren Mangel an Schlafkomfort ("Wir seufzen nach dem Carlton nicht / Das Ritz woll'n wir nicht kennen / Wir brauchen nur den einen Platz / Unsern Platz zum Pennen"). Es folgten zahlreiche weitere Auftritte in verschiedenen Städten. Neben diesen Auftritten konnte man Gilbert & George im Alltag als gehende, essende, trinkende und philosophierende Skulpturen erleben. Für das Publikum waren ihre Gesangsperformances und systematischen Trinkgelage in gepflegtem Maßanzug einigermaßen irritierend - schließlich stand der bürgerliche Habitus, den Gilbert & George rein äußerlich kultivierten, im Widerspruch zum antibürgerlichen, provokativen Gehalt ihrer aberwitzigen Auftritte.

Fotografisches Frühwerk und Entwicklung
Auch das fotografische Frühwerk zeigt, dass sich Gilbert & George den Anschein bürgerlicher Anständigkeit gaben. So schafften sie sich den Freiraum, gesellschaftliche Tabus zu brechen, indem sie das System von innen untergruben. Die frühen Schwarz-weiß-Montagen sind von einer großen formalen Strenge und nur sparsam von Hand koloriert. Gilbert & George posieren als melancholische Gentlemen in fast klaustrophobischen Räumen oder auf Straßen des Londoner East End. Die Bilder besitzen eine poetische Dimension und haben darüber hinaus durch die gelegentliche Einbettung von Graffiti wie "Are you angry or are you boring?" eine urwüchsige Kraft, die der Kultur des Punk verwandt ist.

In den frühen 80er-Jahren kamen kräftige Farben hinzu. Der Einsatz dieser Farben erinnert an die Pop Art, die sich bewusst der Mittel von Kitsch, Werbung und populärer Bildgestaltung bedient hat. Ab diesem Zeitpunkt beinhalten die Serien meistens eine oder mehrere Arbeiten im Monumentalformat. Von den Anfängen bis heute bestehen die Tableaus aus Rechteckfeldern, die von einem schwarzen Rand umgeben sind. Doch statt ihre Fotos weiterhin in der Dunkelkammer zu entwickeln, zu vergrößern und per Hand zu kolorieren, scannen Gilbert & George ihre Vorlagen inzwischen und bearbeiten sie digital.

Themen
Die Arbeit von Gilbert & George ist geprägt von einer existenziellen Sondierung des amodernen Lebens; sie lotet aus, was es bedeutet, in einer Großstadt zu leben: die Spannungen und Sehnsüchte, die durch das Nebeneinander disparater kultureller Traditionen und Werte entstehen. Die Welt von Gilbert & George ist voller Spiegelungen und Symbole, religiöser und sexueller, und in dieser Welt begegnet dem Betrachter der gesamte Lebenszyklus von Geburt, Hoffnung, Glaube, Samen, Blüte, Herbst und Tod. Im späteren Werk klingen Themen wie das Leiden am Altern, Beziehung und Unsicherheit, aber auch politisch Zeitgeistiges an.

Gilbert & George haben sich nie gescheut, Tabus anzugehen; erst vor kurzem haben sie aihre Körperflüssigkeiten mit dem Mikroskop untersucht und posierten - mittlerweile beide über Sechzig - dem Jugendideal zum Hohn vollkommen nackt. Ihre Ergründung des eigenen Körpers und des eigenen Ich ist schonungslos bis hin zur Selbstentblößung und Verwundbarkeit. Die Arbeiten spiegeln den Reichtum menschlicher Empfindungen; so ist es kein Zufall, dass Gilbert & George auch auf das Motiv der Kreuzigung als ungewöhnlich kraftvolles Bild für menschliches Leid zurückgegriffen haben.

München
Gilbert ist Südtiroler und hat in München studiert, bevor er nach London wechselte. "Man hat uns beigebracht, wie man entweder Lehrer wird oder Skulpturen anfertigt, die vor Häuserfassaden stehen", sagt er heute über seine Münchner Studienjahre. Das Gesicht von Gilbert ist am Brunnen des Münchner Rindermarkts verewigt, den sein damaliger Lehrer Josef Henselmann geschaffen hat. 1970 sind Gilbert & George mit "Underneath the Arches" in der legendären Münchner Galerie Heiner Friedrich aufgetreten.

Anlässlich ihrer Ausstellung geben Gilbert & George eine Sonderedition von 2 Motiven in einer Auflage von je 100 Stück heraus: "Hearts of Plane", 2007 und "Fingers of Fate", 2007; digitale Fotografien, signiert und nummeriert; mit Rahmen 75,3 cm x 102,2 cm; pro aStück 1.500 Euro zuzüglich 7 % MwSt.; erhältlich im Buchladen Walther König, Haus der Kunst.

(Presse Haus der Kunst)