Martin Kippenberger - Plakate
4. Mai bis 29. Juli 2007
80 Künstlerplakate von Martin Kippenberger aus den 1980er und 1990er Jahren sind in der nächsten Ausstellung im Grafikflur zu sehen.

Plakate waren neben der Malerei und Bildhauerei von jeher wichtig für den Künstler, sein Ziel war es, Picasso in diesem Bereich zu übertreffen. Rund 140 Blätter entwarf er zwischen 1980 und seinem frühen Tod 1997. Damit gehört er zu den produktivsten Künstlern auf diesem Gebiet. 1982 setzten die Plakate für seine eigenen Ausstellungen ein, und in der Folge scheint er kaum eine Gelegenheit für ein Plakat ausgelassen und im Gegenteil sogar nach Anlässen gesucht zu haben.

Die Vielfalt von Kippenbergers Plakaten und die stets vorhandene Professionalität im Umgang mit dem Medium machen deutlich, dass Kippenbergers scheinbare Willlkür, sein freches Zitieren und Spotten, Methode haben und mehr als launische Flegeleien sind. Seine Plakate schwanken wie seine Bilder, Skulpturen, Installationen und Bücher zwischen Provokation und spöttischer Hinterfragung.

Die Bedeutung des Werks zeigt sich vielleicht in der Tatsache, dass von der Tate Modern 60 Plakate für 60.000 Euro ersteigert wurden. Alle Kataloge von Kippenberger sind ausverkauft. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg besitzt 130 von 140 Plakaten.

Ein Beitrag über das Werk Martin Kippenbergers findet sich im Bestandskatalog „Künstlerplakate – Picasso, Warhol, Beuys“, herausgegeben anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg im Jahre 1998.

Auszug aus dem Beitrag von Jürgen Döring im Katalog „Künstlerische Plakate – Picasso, Warhol, Beuys“, Edition Braus 1998
Plakate sind für Kippenberger keinesfalls eine Nebensache; rund 150 entwarf er zwischen 1980 und seinem frühen Tod 1997. Damit gehört er zu den produktivsten Künstlern auf diesem Gebiet. 1982 setzten die Plakate für seine eigenen Ausstellungen ein, und in der Folge scheint der Künstler kaum eine Gelegenheit für ein Plakat ausgelassen und im Gegenteil sogar nach Anlässen gesucht zu haben. 1985 entwarf er ein »nachträgliches Plakat zu der Ausstellung Abschied vom Jugendbonus II«. Es heißt, er habe sich, was Plakate anbetrifft, dem Motto »Picasso übertreffen« verschrieben, dessen Produktivität - er kannte den Czwicklitzer-Plakatkatalog mit über 400 Nummern - er an Zahl überbieten wolle.
Die Gestaltung seiner Plakate variiert extrem, doch zeigt sie auch, dass der Künstler sich mit den Regeln der Gattung auskennt. Er spielt mit den Erwartungen, die üblicherweise in ein Plakat gesetzt werden, und kann diese enttäuschen oder auch darauf eingehen.

Manche seiner Entwürfe treten herkömmlich plakativ auf, sind mit attraktiven Bildmotiven auf Fernwirkung angelegt. Andere wiederum leben von Bildzitaten, vom nivellierenden Nebeneinander geborgter Inhalte. Nach Bedeutungen, die sich in einer herkömmlichen Weise interpretieren lassen, sucht man vergebens, wird allerdings durch die frechen Anspielungen sehr wohl zum Lesen und Betrachten animiert. Unterwäsche scheint für Kippenberger zu den Themen zu gehören, die der Bürger lieber verschweigt - und die er gerade deshalb mit Vorliebe auf Plakaten öffentlich anspricht.

»Mit Kunst kann man eigentlich nichts bewirken. Das habe ich schon als Kind gewusst. Man kann die Welt für sich selbst zu ändern versuchen, aber Ausstellungen sind eigentlich total überflüssig. Wenn man nicht seine Familie ernähren müsste ...« Seine erste umfassende Museums-Ausstellung, 1986 im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, trug daher den scheinbar ehrlichen Titel »Miete Strom Gas«. Darunter ein Passphoto des ernst blickenden jungen Künstlers, der, will man seinen Worten glauben, Ausstellungen für überflüssig ansieht. Doch zeigt dieses Darmstädter Plakat zugleich, dass es selbstverständlich um mehr als nur die nächste Monatsmiete geht. Unter dem Passphoto erscheint als Blickfänger ein Kondensationsstreifen vor rot gefärbtem Himmel: Er spielt auf die Explosion des US-Space Shuttle Challenger vom Januar des Jahres an. Die Einladungskarte zur gleichen Ausstellung zeigt den Künstler unter dem Geweih eines Elchskelettes stehend, so wie sieben Jahre zuvor sich Beuys für eine Ausstellung desselben Museums unter den Stoßzähnen eines Mammuts präsentiert hatte. Bedeutungen werden geborgt und hohe Inhalte angedeutet - durch den Verweis auf eine Tragödie oder das Zitat eines anerkannten Künstlers -, die sich ihres möglichen Gehaltes allerdings sofort wieder durch ihr absurdes Nebeneinander entledigen. Die solide Gestaltung und die dramatische Farbgebung des Plakates geben keinerlei Hinweise auf eine mögliche satirische Intention; der Betrachter bleibt mit seinen Assoziationen allein.

Das mit Abstand häufigste Motiv auf den Plakaten ist der Künstler selbst. Seit dem ersten Siebdruck aus der Mitte der siebziger Jahre »Einer von euch - mit euch - unter euch« findet er sich in jeder möglichen und unmöglichen Pose und Situation, vom inszenierten Photo mit künstlerischem Hintergrund bis zum Schnappschuss, vom Urlaubsandenken bis zum korrekten Porträt. Selbstironie und Spott über bürgerliche Vorstellungen von Peinlichkeit, aber auch Selbstbewusstsein sprechen aus vielen Entwürfen. Die Vielfalt von Kippenbergers Plakaten und die bei aller Unbekümmertheit stets vorhandene Professionalität im Umgang mit dem Medium machen auf jeden Fall deutlich, dass Kippenbergers scheinbare Willkür, sein freches Zitieren und Spotten, Methode haben und mehr als launische Flegeleien sind. Seine Plakate schwanken wie seine Bilder, Skulpturen, Installationen und Bücher zwischen Provokation und spöttischer Hinterfragung.

(Presse MKG Hamburg)