PLAKATKAMPAGNEN AUS CANNES
Die Ausstellung vereint zweihundert preisgekrönte Beispiele aus ca. 120 Plakat-Kampagnen aus dem vergangenen Jahr. Angereichert mit weiteren kreativen Highlights aus anderen Kommunikationsdisziplinen, die multimedial präsentiert werden - und natürlich darf auch die Cannes-Rolle selbst nicht fehlen.
Das International Advertising Festival in Cannes ist die wohl größte und bedeutendste Werbeveranstaltung der Welt. Es wurde 1954, angeregt vom Erfolg des Filmfestivals, von europäischen Kinowerbern ins Leben gerufen. Im Laufe der Jahre hat sich das Festival auf alle wichtigen Werbemedien ausgeweitet und erhält jedes Jahr rund 25.000 Einsendungen aus aller Welt. Veranstalter ist heute das englische Unternehmen International Advertising Festival (IAF).
Als „Cannes-Rolle“ wurde die Filmversion der mit den goldenen, silbernen und bronzenen Löwen ausgezeichneten Werbespots international bekannt. Sie wird in Deutschland vom hiesigen Repräsentanten des Festivals, der Hamburger Agentur WerbeWeischer vermarktet und auch in dieser Ausstellung gezeigt.
Mittlerweile werden in Südfrankreich alle wichtigen Kommunikationsdisplizplinen ausgezeichnet. So auch Plakatwerbung. Vor zwei Jahren wurde eine eigenständige Kategorie „Outdoor Media“ initiiert. Hier stellen die weltweit besten Kreativen die unendlichen Möglichkeiten von Außenwerbekampagnen eindrucksvoll unter Beweis.
Seit 1992 werden die Bereiche Presse und Outdoor, das heißt Anzeigen und Plakate, ebenfalls mit den begehrten Löwen in Cannes ausgezeichnet. Die digital eingesandten Entwürfe von Plakaten wurden für diese Ausstellung eigens neu gedruckt.
Es erscheint ein Katalog zum Preis von 15 Euro. Im Museum gibt es ein Gewinnspiel für eine „Cannes-Rolle“ im Wert von 350 Euro.
Werbung, Kunst und neue Bilder
Früher war es einfach: Es gab nur einen Berufsstand, der für die Schaffung von Bildern zuständig war: der Maler. Selbstverständlich war er Auftragsempfänger und malte auch Reklamebilder – wie beispielsweise Antoine Watteau das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint. Oder er ließ sich ungeniert in die Dienste kaiserlicher Propaganda einbinden – wie etwa Albrecht Dürer. Abgrenzungen und gar Berührungsängste wie sie heute die Regel sind, gab es nicht. Sie kamen erst im 19. Jahrhundert auf, als sich bildende Künstler von der industriellen Bilderproduktion in die Enge gedrängt sahen und darauf mit einer exquisiten und möglichst individuellen Kunst reagierten. Der Kunstmarkt sorgte in der Folgezeit für eine scharfe Trennung der Kunst von anderen Produkten, seien es rein industrielle Güter oder auch solche mit gestalterischem Anspruch, die aber funktional in den Alltag eingebunden waren.
Werbung gehört nicht zur Kunst, sie gehorcht nicht in erster Linie ästhetischen sondern kaufmännischen Gesichtspunkten. Bestenfalls könnte man sie zur angewandten Kunst zählen: Ihr ästhetischer Anspruch ist zwar ihrer Funktion, der werbenden Aufgabe, nachgeordnet aber dennoch von unbestrittener Bedeutung. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, wie beispielsweise Michael Schirner, der rundheraus behauptet: Werbung ist Kunst. Er geht von gut gemachter Werbung aus, die originell und ideenreich auftritt – und sich damit das Recht erwirbt, wie Kunst betrachtet zu werden. In der Tat, wenn man bei einem Bild nicht ausschließlich dessen Unabhängigkeit als Voraussetzung für eine Klassifizierung gelten lässt, sondern auch seine Originalität, seinen Witz, seine Aussagekraft beurteilt; kurz: wenn man allgemeine Qualitätskriterien anlegt, dann verliert die grundsätzliche Zweiteilung ihren Sinn.
Und manches spricht dafür, auch solche Plakate, um die es hier geht, so zu behandeln. Denn wenn sie von Toulouse-Lautrec stammen würden, der vor gut hundert Jahren mit provokanten Motiven für die Künstler der Halbwelt warb, hätten sie längst Eingang in die Kunstgeschichte gefunden.
Es gibt eine ganze Reihe von kunstgeschichtlichen Untersuchungen, die sich mit Werbung befassen. Bemerkenswert ist der Ansatz, Anzeigen oder Plakate mit der barocken Tradition der Emblemata zu vergleichen. Ein allegorisch aufgeladenes Bild erhält in einer Titelzeile ein Motto und wird darüber hinaus mit kleinen Versen erläutert. Die Emblemata dienten Künstlern als Quelle für ihre Bildinhalte, und gebildete Betrachter fanden Erbauung und Unterhaltung in der Entschlüsselung der oft rätselhaften Motive. Das Motto solcher Emblemata würde dem Logo oder Slogan im Werbebild entsprechen, dessen Funktion ohne den Markennamen ebenfalls ein Rätsel bliebe. Zusätzliche Texte, vergleichbar den Versen unter dem Emblem, können die Bildaussage verstärken oder Produktinformationen liefern.
Diese vergleichbaren Elemente deuten an, dass bei aller Originalität und Unkonventionalität auch die modernen Bilder der Werbung auf ein Bild-Text-Verhältnis zurückgreifen, das sich über Jahrhunderte hinweg entwickelte. Aber zu weiterreichenden Aussagen trägt der Vergleich nicht wirklich bei. Denn längst kann die Werbung auf eine eigene Geschichte voller Dynamik zurückblicken. Reklame mit der Verbindung von Bild und Text, wie wir sie heute kennen, gibt es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zunächst waren es beschwingte Damen, die mehr oder minder kokett die Produkte präsentierten. Lucian Bernhard erfand um 1910 in Berlin das „Sachplakat“: Nur das isolierte Produkt, prägnant wiedergegeben, dient als Blickfänger. Der Höhepunkt dieser Entwicklung lag in den zahlreichen Werbearbeiten der Avantgardekünstler von Schwitters bis Rodtschenko in den Jahren um 1930. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine neue Entwicklung ein: Humor und pfiffige Motive begannen den Blick auf sich zu lenken, eine Methode, die in den angelsächsischen Ländern bis heute dominiert.
In den prämierten Campagnen, um die es hier geht, überwiegt eindeutig die zuletzt genannte Tradition. Sexuell aufgeladene Blickfänger, aber auch ein oberflächlicher Humor haben offenbar ausgedient, glaubt man den Juroren in Cannes. Ganz wichtig erscheint dagegen die originelle Idee; ihr gegenüber tritt selbst die gestalterischere Umsetzung an Bedeutung zurück.
Erstaunlich, wie hintersinnig manche Kampagnen daherkommen – man wird neugierig und beginnt zu interpretieren. Etwa die Wonderbra-Kampagne auf den Seiten zehn und elf. Wir sehen drei junge Frauen im Alltag, bei der Arbeit oder an der Bar: Sie fallen auf, weil sie in den Schwarzweiß-Fotos farbig mit Grün und Rot hinterlegt sind. Erst wenn man diesen unscharf wirkenden Farbeffekt als Hinweis auf ein 3-d-Bild interpretiert, ergibt sich eine Verbindung zum Wonderbra, der ebenfalls die plastische Wirkung zu erhöhen vorgibt. – Oder auch der fehlende Ehering an der Hand des Mannes: Seinen bleibenden „Eindruck“ mit dem dauerhaften Strich eines Stiftes zu vergleichen ist originell und verblüfft. Die Präsenz der fotografierten Hand verdrängt das eigentliche Thema in den Hintergrund.
In solchen Bildideen kommt es zu einem spielerischen Umgang mit traditionellen Vorstellungen: Kurvenreiche Frauenideale oder lebenslange Ehen werden indirekt und aus einer humorvollen Distanz heraus angesprochen. Die Verknüpfung zum Produkt geschieht erfrischend beiläufig.
(Jürgen Döring Ausstellungsleitung)
Das Outdoor Lions – von der Cote D´Azur an die Elbe
Jost von Brandis als Spezialagentur für Außenwerbung und gleichzeitig Schwester-Unternehmen des deutschen Festival-Repräsentanten übernahm im Jahr 2006 erstmals als offizieller nationaler Outdoor-Partner die „Patenschaft“ für diese Kategorie in Deutschland. Es ist uns also eine Herzensangelegenheit, die wunderbaren Plakatkreationen von der Cote D´Azur nach Hamburg zu holen.
Mit dem Museum für Kunst und Gewerbe haben wir einen Partner gefunden, der nicht nur über ein einzigartiges Renommee und Fachkompetenz in Bereich der Plakathistorie verfügt, sondern auch außerordentlich viel Engagement und Leidenschaft für die Realisierung dieser Ausstellung investiert hat. Dr. Jürgen Döring gilt unser besonderer Dank, ohne den diese Ausstellung so nicht hätte umgesetzt werden können.
Des Weiteren möchten wir dem Fachverband Außenwerbung – speziell der Geschäftsführerin Lydia Böttcher – danken, die sofort von der Idee dieser Ausstellung begeistert war und schnell als Partner gewonnen werden konnte. Neben vielen kleinen und großen Unterstützungen hat der Fachverband erst die breite Kommunikation dieser Ausstellung ermöglicht – natürlich in Form einer breit angelegten Plakatkampagne in Hamburg!
