November 2007
von Stefanie Kroth
Die Berliner Designerin Lisa D. präsentierte am 21./22.November 2007 im Rahmen des Spielart Theaterfestivals in München mit BOAT PEOPLE eine Fashion Performance mit Sale Party. Neugierig, wie sich Mode außerhalb der gängigen Laufstege darstellt, pilgerten ungefähr hundert Zuschauer ins Pathos Transport Theater und wurden mit einer unterhaltsamen, sozialkritischen und abwechslungsreichen Aufführung belohnt. Lisa D. schneiderte aus H&M-Kinder-Billigteilchen einfallsreiche, witzige und sexy Teilchen den Schauspielerinnen auf den Leib: mit Schärpen oder superkurz, bauchfrei oder Rollkragenrüschen.
Boat People - ein Label, das aus Billig-Rohstoff Massenware Designteilchen mit mitteleuropäischen Lohnkosten und künstlerischer Inspiration fertigt.
Ein Mix aus Modenschau mit Licht- und Musikzauber, Bühnenstück auf einem Laufsteg, Videosequenzen und Kellertheater (über Video wurden Teile aus der Umkleide im Keller übertragen) sorgte für Abwechslung. Die fünf Schauspielerinnen erfreuten mit humorvollen, augenzwinkernden, hinterfragenden Mono- und Dialogen, spielten sich Bälle zu, dass es eine Freude war. Das Modebusiness mit seiner Ausbeutung seitens der Produktion (Sweat Shops), des Verkaufs (unglückliche H&M-Verkäuferinnen) und des Käufers, aufs Korn genommen. Dennoch sitzen alle in einem Boot, und keiner kann aus der Wirklichkeit, dem Leben aussteigen. Als neuen Produktionsgang wird BOAT PEOPLE eingeschaltet, ein Label, dass aus „Billig-Rohstoff Massenware“ Designteilchen mit mitteleuropäischen Lohnkosten und künstlerischer Inspiration fertigt. Die Problematik der europäischen Praktikanten-Ausbeutung, die für lau künstlerische Inspiration an der Nähmaschine umsetzen, wurde angeritzt und nicht wirklich aufgelöst: Es arbeiten ja alle einer guten Sache und sind für eine bessere Welt. Per Video wurden Szenen eingeblendet, wie ein Statement der „Chefeinkäuferin“ und die Arbeit im Atelier in Berlin-Mitte.
Auch Marketing- und Verkaufsstrategien kamen unter die Lupe: Dem Käufer als Zielgruppe auf der Sklavengaleere, wird erzählt, was er sich als nächstes wünscht um eine Bewegung zwischen den Bankkontinenten auszulösen. Wie das bei BOAT PEOPLE funktioniert, wurde während der Vorstellung erklärt: Billigteilchen kaufen (oder Chefeinkäuferin beauftragen), in speziellen Karton stecken, Größe und Designwünsche ankreuzen und auf die Post damit. Der Zuschauer der Vorstellung wurden auch als Zielgruppe nach der Vorstellung in den Keller gelockt. Hier begann die Sale-Party. Leider gab es nur wenige BOAT PEOPLE-Stücke zu sehen, die meisten waren wohl Bühnengarderobe, aber zwei Ständer mit Lisa D.-Kleidung aus dezenten Stoffen in edler Handwerksmanier gefertigt, optisch und konzeptionell das Gegenteil der BOAT PEOPLE-Sachen.
Hier greift meine Verwirrung: Was ist das Ganze eigentlich? Ist BOAT-PEOPLE ein ernsthafter Ansatz, oder wird mit der textil-gesellschaftlichen Sozialkritik gespielt um der Designerin mit ihrer herkömmlichen Kollektion zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, eine PR-Veranstaltung also?

Trotzdem ist der kritisch-unterhaltsamen Ansatz, sich der globalen und lokalen Ungerechtigkeit auf dem Textilsektor zu nähern, sehr gelungen. Ob unterbezahlte bengalische Näherin oder unbezahlte Berliner Praktikantin, Ausbeutung gibt es überall. Aussicht auf Erfolg jedoch nicht.