Alle acht Wochen feiern die Asphalt-Junkies ihr aktuelles Heft.

Perle im Hamburger Hafen


(November 2005 - Tina Steding) Perlen sind selten. Und teuer. Weil man lange suchen muss, um sie zu finden. Mit anderen wertvollen Dingen in dieser Welt verhält es sich ähnlich. MOTORAVER.

Donnerstag Vormittag an der S-Bahn-Station Veddel. Auf dem Parkplatz suche ich nach Ulrich vom Motoraver-Magazin. Die Redaktion mitten im Hamburger Hafen ist ohne Stadtplan und Auto nur schwer zu erreichen. Das macht nichts, denn wer die Macher des "ersten Drivestyle Magazin der Republik" aufsucht, der möchte sein Auto optimiert sehen, sucht ein neues, will drüber reden oder alles gleichzeitig. Ich will nichts davon, nur ein Interview. Und habe gar kein Auto. Also verabrede ich mich an diesem Donnerstag mit Ulrich an der S-Bahn-Station. "Keine Sorge, Du bist nicht erste die wir da abholen müssen." Man findet das Headquarter nicht einfach, man muss es suchen. Wie eine Perle. Mit einer solchen fährt Ulrich natürlich vor.

Nicht in seinem eigenen 77er Mercedes W123 fährt Ulrich vor, sondern im froschgrünen Strichachter. "Der ist übrig aus der TV-Produktion von "Die Auto-schrauber". Ist aber schon verkauft. Der Typ holt ihn Montag. Vorher muss er durch den TÜV. Unser Lieblingsmitarbeiter kann sich aber erst Montag die Karre ansehen. Also kriegt der Käufer ihn am Dienstag." Wir rollen durchs das Hafenindustriegebiet Hamburgs. Da wo wir jetzt hinfahren, sieht man sich im sportlichen Wettbewerb mit dem TÜV. Gewinnt Stück für Stück mehr Zulassungsfreiräume, betrachtet jede amtliche Modifizierung als Triumph. Und bleibt dabei fair auf dem Schlachtfeld. Schließlich kümmert sich der Mann vom TÜV darum, dass die Jungs und ihre Leser ihre Prachtstücke auf deutschen Straßen fahren dürfen. Die Fahrzeuge heißen Granada, Capri, Charger oder Mustang, schon lange sind sie trotz Bestmarken beim Ölpreis Kultobjekte im Straßenbild.

Seit fünf Jahren gibt es ein Magazin für die Boliden und ihre Piloten. In Motoraver liest man über Motoren, Mode und Musik, Drag Races und selbst organisierte (illegale) Rennen, Hot Rods, Burnouts und die perfekte 180-Grad-Powerhalse. Eben alles, was ihre sympathischen Macher umtreibt. Neuerdings besonders Funsport-Themen, aber dazu später mehr.

Manifest wurde dieser Wunsch nach Wirkung in einem Magazin – im Mai 2005 erschien die erste Ausgabe: 10.000 Exemplare, finanziert durch Anzeigen, verteilt in der Münchener Szene. Mit Beiträgen, die nicht distanziert über dies und das berichten, sondern ganz nah rangehen und ergründen wollen, was hinter den Dingen steht. Außer dem Magazin gab es einen Monat lang „Ausstellung, Release, Kunstevent, Lounge, Musik, Installationen“ – und „zarten laerm“.

Nach zehn Minuten Fahrt im Strichachter erreichen wir das Headquarter. Zwischen Kränen und Containern entsteht nicht nur Deutschlands schönstes Automagazin mit 25.000 Stück Auflage. In der Werkstatt warten Fahrzeuge auf ihre innere und äußere Reinkarnation. Der Hof vor dem alten Industriegebäude bietet Platz für jede Menge Boliden und Benzingespräche. Alle acht Wochen feiern die Asphalt-Junkies in der Halle nebenan mit Punk Bands und Flaschenbier sich und ihr aktuelles Heft. "Dann stehen hier schon mal rund 300 Karren vor der Tür", sagt Ulrich. In diesen Nächten lassen sie sich nicht präzise zählen, so schlecht ist die Sicht. Wegen der Burnouts.

Ulrich kümmert sich nicht nur um den Lift nichtmotorisierter Gäste, sondern vor allem ums MOTORAVER-Marketing. Und vieles mehr. Seit Anfang 2003, als der Zimmermann sein Praktikum beim Magazin begann. Weil der 27-Jährige, wie alle hier, Leidenschaft fürs Thema mitbringt. Irgendwann als Prakti sollte er einen Messeauftritt auf der "Techno-klassika" allein organisieren. Magazin-Chef Helge dazu: "Ulrich ist eine Perle. Er hat an jedes Detail gedacht. Nicht mal einen Kugelschreiber vergessen." Kurze Zeit später wurde Ulrich Chef vom Dienst. So schnell macht man hier Karriere.

Der Blick über die Elbe macht den Kopf frei. Wer die Tür im Hof findet, hinter der eine schmalen Treppe aufsteigt, der landet in der Redaktion. Da treffen wir Helge, der uns in den Konferenzraum bittet.
Mit Michael Buss und Tobias Meyer zusammen hat Helge das Magazin Anfang 2000 gegründet. Tobias ist seit September 2004 nicht mehr dabei, Ulrich seitdem GbR-Mitglied. So wie Helge und Michael, der sich vor allem um Grafik und Layout kümmert. Sie und freie Journalisten texten, fotografieren und schrauben für ein Magazin, das mehr Plattform für ein Lebensgefühl ist, als Printobjekt für Fahrzeugfanatiker. Die Vermarktung ist schwierig, flächendeckender Vertrieb ist zu teuer für das Objekt, dessen erste Ausgabe für 4500 Euro produziert und auf den Markt geworfen wurde. Also wird das Heft an Tankstellen, in Szeneläden und Bahnhofskiosken verkauft. Für 3,70 Euro. Perlen muss man eben suchen, die findet man nicht überall.

Die 1500 Motoraver-Abonnenten zahlen fürs Abo einen Liebhaberpreis. Mehr als die Summe der Einzelpreise. "Milchmädchenrechnung", argumentiert Helge. "Bis die das Ding in den Händen halten, ist 'ne Tankfüllung leer, weil sie so viele Läden abfahren müssen. Da ist das Abo doch viel wirtschaftlicher." Diese "Hardcore Fans" sind wichtig fürs Magazin. "Trotzdem schockieren wir sie manchmal. Wenn wir vielseitig sind".

So kam es zu einer Flut von Beschwerden, als die Schrauber das Einheitsauto fertig machten. Vorne Golf, hinten Trabbi. Nach zwei Wochen Konstruktion und Umbau wurde der "Gobbi" am 3. Oktober in Berlin feierlich enthüllt. Zwar schweißten die Motoraver zusammen, was schon lange schon zusammen gehört. Viele Anhänger hatten trotzdem kein Verständnis: "Spinnt Ihr? Jetzt macht Ihr Golf und Trabbi wo Ihr doch seit 16 Ausgaben Euren Leuten versucht zu erzählen, dass sie keinen Golf kaufen sollen?!

In Überraschungen sind Helge und die anderen routiniert: Die Nr. 9 ist komplett in Mexiko produziert, heißt sinnigerweise "MOTORAVER Revista" und das Logo wurde von Marco Almera entworfen, einem befreundeten Rockart-Künstler aus San Francisco. Sein limitiertes "Revista"-Shirt ist lange ausverkauft.

Sechs der 17 bisher erschienenen Motoraver-Ausgaben übrigens auch. Trotz Kultstatus und guter Qualität warf das Magazin lange Zeit so wenig ab, dass seine autoverrückten Macher Fahrrad fuhren und Monate lang nicht krankenversichert waren. Helges Dodge Charger, Baujahr '70 wurde in der Zeit verkauft. Für ein Ersatzteil für die 375-PS-Schleuder war er mal nach Alabama geflogen. Für Perlen muss man weit fliegen.
Motorhaube auf den Sand, Seil dran, Motor an... Abfahrt!
Mit Stunt-Drehs auf dem Gelände, Merchandising und mehr arbeiten die Jungs jetzt kostendeckend und gehen neue Wege. "Jetzt arbeiten wir an eigenen, neuen Konzepten. Bei denen das Fahrzeug einen Nutzen darstellt. So wie die Luftbetankung und die Wakeboard-Geschichte" und grinst. Die Luftbetankung ist noch in der Konzeption: Helge hat einen Heli-Piloten kennen gelernt. Daraus entstand ein Projekt, dessen (zunächst) konzeptionelle Herausforderung darin besteht, den Hochgeschwindigkeitsrekord zwischen Hamburg und Bremen zu knacken. Auf dem Asphalt. Dass ein V-8er auf der Strecke mehr als eine Tankfüllung einatmet, wissen auch Geografie-Anfänger. Tanken kostet Zeit. Deshalb grübeln die MOTORAVER gerade über einer Auslegerkonstruktionen fürs Autodach. Die brauchen sie, um die Karre während der Fahrt aus dem Hubschrauber mit Sprit zu bedienen.

Unter Konstruktionsgesichtspunkten war das Haubensurfen am Nordseestrand im vorletzten Sommer einfacher. Verfolgt von der dänischen Polizei wurden Hamburger Schrauber surfend auf einer Motorhabe gesichtet, die am Abschlepp-seil über den Strand gezogen wurde. "Board", die Haube eines Mazda 323 wurde vorher gesandstrahlt. Eine Maßnahme, die Reibungsverluste minimierte und Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 100 Km/h sowie jede Menge Adrenalin ermöglichte.

Das "Board", die Haube eines Mazda 323 wurde vorher gesandstrahlt. Eine Maßnahme, die Reibungsverluste minimierte und Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 100 Km/h sowie jede Menge Adrenalin ermöglichte.

Magazinchef Helge sieht das auch strategisch. "Mit diesen Inhalten bedienst Du Sportler, Jackass-Fans und Autofreaks natürlich. Und vielleicht noch 'n paar andere." Blickt auf die Tischplatte. "Die sonst an Wasserskianlagen Schlange stehen".
Funsport im Automagazin? 15-Zoll-Felge eines Opel Diplomaten, zwölf Zoll vom Notrad eines Nissan Micra zur Verlängerung der Spule nach außen, 70 Meter Seil.
Die Reportage mit Nutzwert trägt im Heft den Titel "Elbkommando". Weil Freunde mit einen chronisch defekten Außenborder vorbei kamen und deshalb mal wieder nicht Wakeboarden konnten, war man sich schnell einig, dass das Carven auf der Elbe ohne Boot viel besser geht. Dazu amputierten die Jungs einem Chevi Camaro das linke Hinterrad. Verpassten ihm die 15-Zoll-Felge eines Opel Diplomaten und schweißten noch mit Flach-stahl eine kleinere Felge dran. Die zusätzlichen zwölf Zoll vom Notrad eines Nissan Micra verlängerten die Spule nach außen, "für Mellis Kurven".

Mit Melli meint Helge die Wakeboarderin. Mit Kurven das Carven. Um die Spule kam ein Umlaufring, damit die 80 Meter Seil sich "sich nicht vertüdeln". Beim Test in der Werkstatt lief die Winde tadellos, der Camaro wackelt zwar aber auswuchten hielt man trotzdem nicht für nötig. 35 Knoten auf dem Wakeboard sollten auch so drin sein bei 2000 Touren aufwärts. Zum ultimativen Elbkommando wird der Chevy rückwärts auf einer Slipanlage geparkt, aufgebockt und kriegt Keile unter die Vorderräder.

Melli schwimmt samt Seil 70 Meter in die Elbe raus, gibt ein Signal und Markk am Steuer vom Camaro gibt erst vorsichtig Standgas, zieht sie über die Spule mit Wakeboard aus dem Wasser. Etwas mehr Gas, und klar: Es klappt. Melli schafft 60 Meter Hochgeschwindigkeits-kurven auf dem Board. Helge grinst bei den Gedanken an den Ausflug: "Das Lustigste war, dass man das Potenzial gar nicht ausreizen konnte. Der Chevi lief im Standgas und sobald man das Gas nur angetippt hat, ist der Wakeboarder wahnwitzig abgesegelt. Leider hatte der deutsche Meister wegen Presseterminen keine Zeit, fast hätten wir ihn gekriegt. Er hätte Highspeed-Rekorde aufgestellt".


Auf dem Rückweg zur S-Bahn im verkauften Benz sprechen wir über Ruhm und Erfolg versprechende Projekte, die anstehen. Nach einer kleinen Pause sagt Ulrich leise: "Na ja. Wär ja schon schön, regelmäßig tanken zu können." Mitarbeiter mit so viel Leidenschaft und Durchhaltevermögen werden von ihren Chefs gern als Perlen bezeichnet. Ich träume davon, reich zu sein und das Motoraver-Magazin zu kaufen.

"So viel Geld kriegst Du im Leben nicht zusammen", grinst Ulrich. Na gut. Perlen kann man kaufen. Die Motoraver nicht. (Tina Steding)

Motoraver im Web: www.motoraver.de