Weltverbesserung aus Lust am Konsum?

Where have all the poppers gone?


(Dezember 2007 von Stefanie Kroth) Popper, Teds, Punks, Müslis – in den 1980ern war die Welt geordnet: Politische Einstellungen und Lebensstilvorstellungen manifestierten sich im Äußeren, in der Kleidung. Popper gaben sich kaschmierig upper-classy, Teds belebten berüscht die Südstaatenromantik, Punks waren gegen alles außer Drogen und Alternative diskutierten räucherstäbchenbenebelt alles aus. Doch heute lassen textile Statements auf nichts mehr schließen: Rechtsradikale und Punks teilen sich mit Docs und Lonsdale den gleichen Look, nagelneue Couture-Teilchen werden künstlich gealtert (Joop stellte seine Wunderkindsachen ins Sonnenstudio zum Ausbleichen), Mütter und Töchter teilen einmütig und treuherzig Musik- und Klamottengeschmack.

Worin liegt der politische Gehalt eines Kleidungsstücks? Wer macht die gesellschaftliche Aussage? Wo bleibt die Revolution? Der Massenschick der Popper war damals durch die Joopschen Bestrebungen möglich, Kaschmir unters Volk zu bringen. Reihenhaussprösslinge gaben sich in Scharen mit Schüttelpony, gelbem V-Ausschnitt und Collegeslippers den Anstrich „aus gutem Haus“ zu sein, eine Fassade ohne Hintergrund gleich Potemkischen Dörfern. Die Nabelschnur zu ihrer Herkunft kappten Punks dagegen gleich gewaltsam, mit Starthilfe der britischen Modequeen Vivienne Westwood und ihrem Lebensgefährten (zugleich der Sex Pistols-Manager) Malcolm McLaren: Zerrissene Kleidung, Sicherheitsnadeln durch Ohr oder Backe und grellbunte Stachelhaare wurden zum Programm gegen Spießigkeit und das Establishment. Den Müslis, den Hippienachfolgern, genügte es nicht, gegen alles zu sein, sie wollten eine bessere Welt schaffen. Leider stand ihnen in der Anfangsphase kein begnadeter Modedesigner zur Seite, der einen Markteintritt wirkungsvoll gestaltete. Sie waren abhängig von Textilamateuren, die selbst webten, färbten und filzten. Alles sollte „ursprünglich“ sein und damit lang haltbar, Verzicht war Pflicht.


Mittlerweile so scheint, sind sie jedoch die Gewinner der ganzen Entwicklung. Denn High-Society-Schick ist wieder Privileg der Zahlungskräftigen und Punks stehen am Bahnhof herum wie leere Hüllen mit geliehenen Lebensanschauungen, die sich selbst überholt haben. Rockabilly wurde ein kommerzieller Trend, doch das überzeugte Südstaatenherz blieb auf der Strecke. Nur die frühere Ökotussi tauschte Verzichtstümelei gegen bewussten und fairen Konsum, der mittlerweile so hip ist, dass gleich alle mitmachen. Vor allem bei Stars und Sternchen ist das soziale Gewissen hoch im Kurs. Dabei hat man auch noch die Wahl: Es gibt fair gehandelt, ökologisch angebaut und unter menschenwürdigen Bedingungen gefertigt. Und das endlich von Designern, die ihr Handwerk beherrschen: Schöne, freche und körperbetonte Entwürfe, gekonnte Schnittführung und Materialkunde auf dem neuesten Stand. Nicht zu vergessen ein gekonntes Marketing: Seit „Grün“ so sexy ist, ist es schick. Die Frage ist: Wer hat hier wen überlistet? Transportieren Modemacher ihren Idealismus um Käufer zu überzeugen, oder dient die Ökologie der Ökonomie als USP in harten Zeiten? Somit wäre unser heutiges soziales Handeln eine reine Marketingmasche; Gewissen mutiert zum kommerziellen Nebenprodukt. Die Motivation des Handelns hat sich verschoben, weg vom Altruismus, von der gesellschaftlichen Verantwortung, von der Rebellion zur individualzentrierten, konsumorientierten und angepassten Haltung. Weltverbesserung aus Lust am Konsum also. Ist das jetzt gut oder schlecht?