Junge Münchener erforschen ihren Handlungsraum


(November 2005 von Conny Sauer) Vor eineinhalb Jahren, als sich Annekatrin Fischer und Robert K. Huber mit vier weiteren jungen Menschen zusammentaten, um etwas Neues, Eigenes auf die Beine zu stellen, hatten die meisten gerade das Abi in der Tasche und ihre Studienrichtung im Kopf: Architektur, Politologie, Komparatistik und Medizin beispielsweise. Gemeinsam wollten Sie suchen und der Frage nachgehen, was in der und für die Zukunft zu tun sei. So entstanden die zukunftsgeraeusche, ein privates, unabhängiges Forschungsprojekt, mitten im urbanen München, im Jahr 2004.

Moral ist ein Sujet der Gruppe, Individualität ein anderes. Oder wie es Annekatrin und Robert selbst sagen: Es geht um Inhalte. Und es geht um Selbstfindung: zukunfts-geraeusche will „Dinge ans Licht holen“, Gleich-fragenden eine Plattform bieten und das „Potenzial der eigenen Generation“ ausloten. Wobei dieser Generationsbegriff nicht nach Jahrgängen zu fassen ist, sondern alle diejenigen meint, deren Leben in der Experimentierphase steckt. In der Ausbildung zum Beispiel.

Maßnahme Nummer eins ist das Miteinanderreden. Denn was schafft bessere Klarheit über die eigenen Positionen als die von Heinrich Kleist so trefflich beschriebene „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“? Der geistige Austausch mit anderen fördert dann zutage, welche Gedanken vorhanden sind, von anderen geteilt werden und sich möglicherweise in Zukunft zusammenfügen lassen.

Aber kein Debattierclub sollte entstehen, vielmehr wollte zukunftsgeraeusche eine interessierte Öffentlichkeit gleich in den Prozess der Kommunikation einbeziehen. Resonanz auf die eigenen Töne war vom ersten Tag an gewünscht. Die Studenten wollen raus aus dem Studier-zimmer. Ein Netzwerk soll wachsen!
Zukunftsgeräusche, Annekatrin Fischer und Robert K. Huber
Manifest wurde dieser Wunsch nach Wirkung in einem Magazin – im Mai 2005 erschien die erste Ausgabe: 10.000 Exemplare, finanziert durch Anzeigen, verteilt in der Münchener Szene. Mit Beiträgen, die nicht distanziert über dies und das berichten, sondern ganz nah rangehen und ergründen wollen, was hinter den Dingen steht. Außer dem Magazin gab es einen Monat lang „Ausstellung, Release, Kunstevent, Lounge, Musik, Installationen“ – und „zarten laerm“.

Inzwischen haben sich einige Einstellungen verschoben. Denn es war enttäuschend für die Macher der zukunftsgeraeusche, beim Austeilen des Magazins feststellen zu müssen, dass die Kneipen längst voll mit Szene-Magazinen sind: gratis ausgelegt, lieblos, aber zielgruppengerecht aufbereitet, rein kommerziell orientiert. Sollte das ihr neues Umfeld sein? Würden sich so interessierte Leser finden lassen, um „wild wuchernde Gärten jenseits der schön zurecht geschnittenen Massenkultur“ entstehen zu lassen? Nein. Es mussten Konsequenzen gezogen werden.

Die zweite Ausgabe des Magazins, die am 21. November 2005 erschien, ist anders. Sie hat die Auflagehöhe eins. Wer das Original lesen will, muss zukunftsgeraeusche im Ausstellungsraum in der Herzogspitalstraße besuchen. Die Mühe wird belohnt, denn neben der Printausgabe finden Besucher dort auch eine Übersetzung des Magazins in die Dimensionen des gesamten Raums. 2D wird zu 3D. Magazin ist Raum ist Magazin.
Klare Bekenntnisse zu radikalen Inhalten?
Sind es Künstler oder Idealisten, die da gemeinsam das Ohr an die Zukunft legen? Bauen sich zarte Seelen ein Forum für die erfolgreiche Selbstinszenierung? Wer eine Antwort haben will, muss reinlesen und hingehen. Er wird zwei Dinge feststellen:

Erstens gibt es – und das besticht! – ein klares und konsequentes Bekenntnis zum Handeln. Das ist die Generation NIKE: just do it. Obwohl sie suchen, stellen sich etwas auf die Beine. Und sie spannen den Bogen weit, quer durch mehrere kulturelle Disziplinen. Schon Lenin fragte einst mit großer Dringlichkeit: „Was tun?“ und kam bekanntlich zu durchaus praktischen – wenn auch politisch obsoleten – Ansätzen. Hier sind Leute am Werk, die sich ebenfalls einsetzen: Anti-Schlaffis! Furchtlose! (Heißer Tipp für potentielle Arbeitgeber: Projektmanagement-Erfahrung!)

Das bringt uns zweitens zu der Frage der Inhalte. Worum geht es? Schöngeistiges? Radikales? Solche Schubladen passen nicht, und das ist gut so! Denn bei aller Unfertigkeit sind die Träger der zukunftsgeraeusche schon geerdet. Die Fragen, die die jungen Urbanen drücken, sind kleiner, aber solide reflektiert und fundiert aufgestellt. Ihnen geht es weniger um die ganz großen Themen wie Politik und Gesellschaft, aber auch. Derzeit beschäftigen sie sich beispielsweise mit außergewöhnlichen Layoutfragen, dem Medium Internet und der Zukunft der Stadt. Alte, fachidiotische Denkgrenzen fallen weg.

Und weil die Arbeitsteilung in dieser Runde noch nicht so recht erfunden ist, machen alle alles (Für Arbeitgeber: Team-Erfahrung!). Okay, manche steigen aus bei diesem komplexen Projekt, aber vielleicht war es auch nie ihr Ding.

Das Magazin Nummer Zwei ist noch bis Ende Dezember in der Herzogspitalstraße zu sehen – und zu begehen. Kontakt: info@zukunftsgeraeusche.de. Zukunftsgeräusche im Web: www.zukunftsgeraeusche.de