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Dizzee Rascal - Tongue’n’Cheek
photo credit Universal Music

Gib uns zuerst mal einen Vorgeschmack. Was kann man vom neuen Dizzee Rascal Album erwarten?

“Es heißt Tongue ‘ n’ Cheek”, erklärt der 24-Jährige, der aus dem Osten Londons stammt und kürzlich der erste britische Solokünstler wurde, der zwei aufeinander folgende Nummer 1-Hits auf seinem eigenen Label hatte. “Es heißt so, weil es böse und trotzdem nett ist. Es ist ein Popalbum, aber musikalisch hat es ein bisschen von allem: B-More Hip Hop, Reggae, House. Die Texte sind teilweise auch ziemlich frech. So sehr mich alle auch grad lieben – da wird es trotzdem ein paar aufgebrachte Eltern geben.”

“Ich hörte Snoop’s Doggystyle”, fährt er fort, “und ich dachte ‘Sowas in der Art sollte ich machen’. Nicht genau dieses Album natürlich, aber etwas mit derselben positiven, optimistischen Stimmung. Die Leute müssen aufgemuntert werden, und ich wollte eine Platte machen, zu der jeder abfeiern kann. Ein bisschen hatte ich das schon mit Maths + English, aber auf dem Album sind ein paar Songs drauf, wenn die anfangen, dann ist die Party zu Ende. Diesmal gibt es zwar ein paar düstere Momente, aber man kann das Album komplett durchhören – es wird nirgend ausgebremst“.

Auf seinem zweiten Album, Showtime, verschärfte Dizzee Rascal den klaustrophobischen Sound des 2003 erschienenen und mit dem Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbums Boy In Da Corner, und erweiterte ihn gleichzeitig. Sein neues Album baut ebenso auf die Grundlagen, die sein äußerst abwechslungsreicher Vorgänger gelegt hat. Aber wo Maths + Englishs poppigere und R’n’B-angehauchten Momente wie ‘Flex’ und ‘Bubbles’ erfolgreiche stilistische Experimente waren, betritt Dizzee dieses Territorium auf Tongue ‘n’ Cheek mit neuem Selbstbewusstsein und absoluter Überzeugung.

“Man wird einfach besser in dem, was man tut”, erklärt Dizzee, “Man probiert alles Mögliche aus und findet heraus, was funktioniert und was nicht”.


photo credit Universal Music

Auf seinem vierten Album erweitert Dizzee seine musikalische Bandbreite scheinbar nach Belieben – vom luftigen Sommersoul Sound von “Chillin’ Wiv Da Man Dem”, bis zum Top Shop Disco Feeling der kommenden Single “Holiday”. Und die vertrauten hämischen Klänge des fast unverantwortlichen “Road Rage” und “Freaky Freaky”, welches amüsanterweise eine 18-Freigabe bekommen hat, sind textliche Heimspiele und beweisen, dass er sich dabei noch genauso wohl fühlt. Tongue ‘n’ Cheek wird nach dem kommerziellen Durchbruch vom letzten Jahr direkt die Charts erobern.

Als “Dance Wiv Me” im Sommer 2008 vier Wochen auf Platz 1 war, tauchte Dizzee Rascal an allen möglichen unerwarteten Orten auf. Er traf in Newsnight auf Jeremy Paxman, gab ein Gastspiel auf Matt Lucas’ Schlagzeug in der Relaunch-Show von Shooting Stars (“Diese Show hab ich geliebt, als ich ein Kind war. Es war fantastisch selbst dabei zu sein“) und teilte Jonathan Ross’ Green Room mit Tom Hanks, gekleidet in einen makellosen weißen Anzug (“Tom Hanks war der netteste Typ, den man sich vorstellen kann – er rezitierte ständig Texte von Snoop”).

Nachdem er sich im Frühjahr bei der ausverkauften Arenatour mit The Prodigy aufgewärmt hatte (“The Prodigy sind der Inbegriff von Rave. Ich hoffe, ich bin in 20 Jahren immer noch so drauf. Entweder das, oder ich spiele Cello und sehe BBC 2”), war der Mann, den Paxman ‘Mr Rascal’ nannte bereit, wieder unter eigener Flagge loszuziehen. Da die Festivalsaison vor der Tür stand, hatte Dizzee eine nicht wirklich geheime Waffe in der Hinterhand, und diese Waffe war “Bonkers.”

“Er mailte mir einfach und sagte ‘Das hier könnte Dir gefallen’”, erinnert sich Dizzee daran, wie er Armand Van Heldens Backing-Track bekam, den er schließlich zur größten Sommerhymne des Jahres 2009 machte.

“Ich war zu der Zeit auf Tour in Amerika und als ich den Track zum ersten mal hörte, erinnerte er mich einfach an Ibiza – einer dieser großen euphorischen Dance Tunes aus den Neunzigern. Ich wusste, der braucht nicht viel mehr. Und der Text dazu fiel mir ein, als in Denver, Colorado, alle im Hotelpool waren. Es geht darum, wie es ist, auf Tour zu sein – ‘I wake up every day is a daydream’ – und, dass man die richtige Balance finden muss zwischen einen drauf machen und wissen wann man aufhören sollte”.

“Ungefähr einen Monat später traf ich Armand”, erzählt Dizzee weiter. Er hat eine riesige Wohnung in New York, mit einem Studio und mit der größten Sammlung von Musikvideos, die ich je gesehen habe – von dem kann sich MTV eine Scheibe abschneiden. Er zeigte mir das Video von “Egyptian Lover”. Das hatte ich noch nie gesehen. Es war der Knaller”.


photo credit Universal Music

Das Video zu “Bonkers” (www.youtube.com) lässt jeden vor Freude strahlen: Vom Literaturprofessor, der über das geniale Paradoxon staunt - “A heavy bass-line/Is my kind of silence” -, bis zu dem zweijährigen Kind, dass über den Anblick von Dizzees grinsendem Gesicht im Maul des riesigen Papierhais kichert. Der euphorische Dance-Virus ist ansteckender als die Schweinegrippe und ging direkt an die Spitze der Single- und Downloadcharts. Die Verkäufe der ersten Woche von über 100.000 waren nur der Anfang.

Mit ein wenig Hilfe von “Bonkers” wurde Dizzees Auftritt beim diesjährigen Glastonbury Festival zu einem Meilenstein in der Geschichte der britischen Black Music. Wer sich den Auftritt am Fernseher ansah, verpasste zwar das Jeremy Paxman Introtape, aber das konnten sie später auf der Homepage von Newsnight nachholen. Und “Bonkers” war nicht der einzige Song, von dem die 60.000 Zuschauer den kompletten Text kannten. Die frühen Singles “Fix Up Look Sharp” und “Jus’ A Rascal” bekamen genauso begeisterte Reaktionen, was beweist, dass Dizzee Rascal nicht gerade erst durch das Glasdach geschossen ist; er hat auch die Scherben aufgefegt und eine Kristallkaraffe daraus gemacht.

Eine Woche später, beim Wireless Festival im Hyde Park, betrat Dizzee nach dem Vorreiter des Rap, Afrika Bambaataa, auf die Main Stage. Mit einem Set, das bei “That’s Not My Name” von The Ting Tings und “Paper-Planes” von MIA borgte, und auch mit dem bewegenden Stevie V Tribute “Dirtee Cash” vom Album Tongue ‘n’ Cheek aufwartete, vertritt The Rasket derzeit den Hip Hop auf einem Level, das vorher für einen britischen Künstler unerreichbar schien.

Gerade als die Hyde Park Show ihren Höhepunkt erreichte (nicht “Bonkers” in diesem Fall, sondern Calvin Harris’ Rave-Outro zur nächsten Single “Holiday” war es, was in der Menge sogar noch mehr unkoordinierte Hysterie hervorrief) gab es ganz kurz Unruhe an der Seite der Bühne. Zwischen den normalerweise eng verbundenen und befreundeten Kreisen von Bekannten, Journalisten, Mitarbeitern von Dirtee Stank und Goldie, machten sich Prince Harry und ein paar seiner sehr lauten Freunde breit. Es stellte sich heraus, dass auch sie den Text zu “Bonkers” kannten.

Es ist ein weiter Weg von den Underground Raves in Garagen Ende der 90er bis heute, wo der Dritte in der Thronfolge im Publikum ist und auf derselben Bühne die Reunion Show von Blur stattfindet. Aber das Tolle an Dizzees bisheriger Reise ist, dass er alle sich ihm bietenden Möglichkeiten wahrgenommen hat, ohne Kompromisse in Bezug auf seine Identität und Überzeugungen einzugehen. “Ich genieße es gerade ein Popstar zu sein”, grinst Dizzee, “und das Beste daran ist, dass ich das alles nach meinen eigenen Regeln geschafft habe”.

“Ein Song wie ‘Holiday’ ist immer noch ein Risiko”, sagt er weiter, “weil ich weiß, dass er das Bild, das die Leute von mir haben, stellenweise verändern wird. Aber irgendwie geht es darum ja auch. Ich weiß nicht, was die Leute gerade für ein Bild von mir haben und das ist toll, denn so kann ich machen, was ich will“.

© Universal Music