back
cover
Nekta – Storybook
photo credit INFRAcom!

Als im Frühjahr 2006 das Debütalbum von Nekta veröffentlicht wurde, sahen nicht wenige „Water The Flowers“ in einem ähnlichen musikalischen Kosmos wie Micatone oder Madita. Erstaunlicher-wie auch erfreulicherweise aber suchten die Kritiker nicht diese Vergleiche, sondern strichen stattdessen den besonderen, ganz eigenen Charakter der Nekta-Musik heraus. In „Water The Flowers“ sahen sie ein „Meisterwerk jazziger Loungemusik“ (Frankfurter Neue Presse) von hohem musikalischem Standard, der jedoch mit erfrischender Natürlichkeit und unverkrampfter Lässigkeit präsentiert wurde. Welch wunderbare Feedbacks Nektas Musik in den letzten Jahren bekommen hat, belegen neben den enthusiastischen Kritiken auch zwei kleine, aber nicht unbedeutende Geschichten. So hörte die japanische Jazzband Native Nekta bei einem Auftritt im Frankfurter Club Walden und ging am nächsten Tag spontan mit den Darmstädtern ins Studio. Nekta-Songs sind in US-amerikanischen TV-Serien-Hits wie „Las Vegas“ bei NBC und „Gossip Girl“ (im April auch in Deutschland bei PRO7 angelaufen) bei Warner zu hören.

Zur Freude aller Beteiligten wurde die Nekta-Musik auf „Water The Flowers“ dann auch unanhängig von Zeitgeist-Fragen als das wahrgenommen, was sie war. Den gelungenen Versuch nämlich, Jazz und Pop, akustische und elektronische Klangerzeuger, Tanzbarkeit und Clubappeal einer-, und Songschreiber-Qualitäten andererseits ganz individuell auf einen Nenner zu bringen. Und dass der als Soundtüftler gewürdigte Gyso Hilger organischer, als der meist elektronische Ursprung der Kompositionen vermuten ließ, zu arrangieren und produzieren verstand, führte zum immer wieder gelobten, homogenen Klangbild. Vielleicht hat Nekta ja auch das Glück, nicht in eine der Szenemetropolen zu leben und so nicht ständigen Hipness-Diskussionen und dem Druck neue Trends zu setzen ausgeliefert sind. Im hessischen Darmstadt, der bekannten Jugendstilstadt mit einer kleinen, aber feinen und pulsierenden Musikszene lässt es sich kreativ und erfolgreich arbeiten. Und durch die Nähe Frankfurts (wo auch das Label zu Hause ist) als internationales Drehkreuz ist der Rest der Welt nur einen Katzensprung entfernt.

Mit „Storybook“ geht die musikalische Reise Nektas nun nahtlos weiter und es fällt wiederum schwer zu sagen, ob die elf neuen Titel nun Retro oder doch modern oder längst schon klassischzeitlos sind. Die Frage, wo befinden wir uns mit unserer Musik, stellen sich die Beiden aber gar nicht. „Wir mixen alles zusammen, was uns gefällt, und das ohne Rücksicht auf Genregrenzen“. So bleibt das Projekt frei von Dogmen. Auffällig ist nur, dass man an den Polen, zwischen denen man sich bewegt, die Extreme öfters mal mehr ausgereizt werden, der Jazz jazziger, die Elektronik elektronischer klingt und nicht nur die Melange und pure Harmonie im Zusammenklang gesucht wird. Nekta bleibt dabei klischeefrei Zone, denn konkrete Samples mit Motiven aus der Jazzgeschichte wird man vergeblich suchen. Hilger arbeitet da subtiler und es ist ein diffiziles Puzzlespiel, das er da betreibt, wenn er den Begriff Sampling für sich und Nekta neu definiert. Um konkrete Songs und Künstler, gar als Referenz oder Hommage, geht es dabei nie, viel mehr um die Klangästhetik bestimmter musikalischer Genres. Eindeutige Zitate gibt es nicht.

Zum Klangfarbenreichtum der Musik tragen auch die real gespielten, akustischen Instrumente, Kontrabass, Schlagzeug (wobei eine Leidenschaft des Drummers ist, alte Koffer als Percussions-Instrumente zu verwenden), Saxophon, Trompete, Flöte und Akkordeon sowie analogen Synthesizer wie der Korg MS10 bei. Auch Vibraphon – nur schwebende Fender Rhodes-E-Piano-Klänge sind schließlich langweilig – und vor allem Harfe wünschte sich Nathalie für einen Song. Die kommen allerdings aus dem Sampler, aber Gysos Ehrgeiz war es natürlich, dass sie nicht sofort als Fake erkennbar sind. Mit viel Finesse arbeitet Hilger da an kleinsten Nuancen und feinsten Details, kreiert so auch mal einen Swing fürs 21. Jahrhundert. Transzendenz ist hier nicht nur ein Wort, sondern entsteht aus der Konfrontation der diversen, divergierenden Stile – auch ein Grund für die Dynamik der Musik.

Unüberhörbar ist auch, dass Nathalie Schäfers Stimme, die auch mal durch Scratches und Elektronik verfremdet zu hören ist, neue Facetten hinzugewonnen hat. „Aber ich empfinde meine Stimme immer noch als kindlich und naiv, wobei die Begriffe bei mir nicht negativ besetzt sind. Ich habe nicht die Power-Soul-Stimme“, hat Nathalie Schäfer mit ihrer Eigenwahrnehmung keinerlei Probleme. Sie liebt den unschuldigen Blick von Kindern, die die Welt zum ersten Mal wahrnehmen. „Das hat etwas Pures, Klares, so bin ich auch noch ein bisschen. Gleichzeitig bin ich auch ein wenig spinnerd, verrückt und wild. Ich kann mich so gut an meine Kindheit erinnern.“

Auch wenn Nathalie Schäfer betont, sie sei keine Texterin wie eines ihrer erklärter Vorbilder, Rickie Lee Jones, sondern würde eher mit dem Klang von Worten und mit Reimen spielen und so eher intuitiv an Lyrics arbeiten statt klare Botschaften formulieren zu wollen und Bedeutungsschwangeres in die Welt zu setzen, so kommt der Titel des neuen Albums „Storybook“ nicht von ungefähr. Natürlich werden auch kleine Geschichten aus dem (eigenen) Leben erzählt, über das Älterwerden („No Need To Rumble“), dem Bekenntnis zu sich selbst („Better Be You“) oder einer Momentaufnahme Zehn-Minuten-aus-meinem-Leben, Gedanken, in denen man sich erkennt („Me And My Mind“). Texte, die fließen, sich im Moment des Schreiben und Singens formen, eine Meisterschaft, wie sie Cole Porter in Nathalies Ohren beherrschte, ist eine große Kunst, die für sie Ansporn ist.



© INFRAcom!